06.10.
2026

Pendenzberge und masslose Erwartungen

PENDENZENBERGE UND MASSLOSE ERWARTUNGEN



Die Zeichnung mit dem Titel „Burnout“ entstand vor vielen Jahren, als ich noch mitten im Erwerbsleben stand. Inspiriert wurde sie von der Redewendung, „die Kerze an beiden Enden anzuzünden“, ebenso wie von meinen Erfahrungen mit Coaching-Klientinnen und -Klienten, die über ihre Kräfte leben, sich bis zur Erschöpfung verausgaben, zu viele Verpflichtungen übernehmen und Erholung ignorieren. Sie leuchten intensiver, sind jedoch wesentlich schneller aufgebraucht – oder eben „ausgebrannt“.

Das Gefühl, „unter einem Pendenzenberg begraben“ und von „masslosen Erwartungen erdrückt“ zu werden, gehört heute für viele Menschen zum Arbeitsalltag. Diese Erfahrungen prägen die moderne Arbeitswelt ebenso wie zahlreiche weitere Themen, die Inhalt der Botschaften von Melanie in Band 1 sind.

Wer in der Arbeitswelt der 1950er- oder 1960er-Jahre aufgewachsen ist, erlebte im Laufe seines Lebens eine tiefgreifende strukturelle Transformation der Arbeitswelt. Um diesen Paradigmenwechsel zu veranschaulichen, lohnt sich ein kurzer Blick zurück.

Mein erster Kontakt zum Arbeitsalltag ausserhalb der Familie war in den 1950er-Jahren die Landwirtschaft. Ich wuchs neben einem Bauernhof auf und verbrachte dort einen grossen Teil meiner Freizeit. Die körperliche Arbeit der Bauernfamilie war hart: lange Arbeitstage, kaum Mechanisierung und eine starke Abhängigkeit von Wetter und Jahreszeiten bestimmten den Alltag. Die Existenzsicherung war nicht sorgenfrei, aber sie wirkte nicht erdrückend.

Die Bedeutung der Landesversorgung während des Zweiten Weltkriegs hatte dazu geführt, dass der Beruf des Landwirts in der Schweiz hohes Ansehen genoss. Meine Mutter, die während des Krieges über die Rationierungskarten hinaus hin und wieder einen „Zustupf für die Kinder“ vom Hof erhielt, sprach stets mit grosser Wertschätzung über die Wichtigkeit des bäuerlichen Standes. Die Bauernfamilie selbst strahlte dieses Selbstverständnis aus und lebte es auch.

Bei der Mitarbeit auf dem Hof waren die Hierarchie und die Autorität des Vaters ebenso unbestritten wie seine Entscheidungen. Die Ausfahrten mit Ross und Wagen in die Stadt, um bei Hotels und Restaurants Speisereste für die Schweinemast einzusammeln, machte er – zusammen mit dem Einkauf von Süssigkeiten im Spezereiladen – zum Höhepunkt der Arbeitswoche.

Nach einem harten Arbeitstag war Feierabend. Vor dem Stall wurde gewischt, man trank gemeinsam ein Glas Most, sass auf der Bank vor dem Hof und genoss die Abendsonne. Der Sonntag war arbeitsfrei, und man zog die besseren Kleider an. Kein Wunder also, dass es mein Kindheitswunsch war, Bauer zu werden – eines jener Lebensziele, die ich nie erreicht habe.

(Ehrlicherweise muss ich ergänzen, dass ich später während verschiedener Landdienstwochen auf Bauernhöfen auch die Schattenseiten dieses Lebens kennenlernte: innerfamiliäre Generationenkonflikte und Nachfolgestreitigkeiten, die mein idealisiertes Bild nachhaltig trübten.)


Welch ein Kontrast zur späteren Arbeitswelt, die ich selbst erlebte und von der ich heute im Coaching höre: Konkurrenz- und Zeitdruck, Unsicherheit, Digitalisierung, permanenter technologischer Wandel, hohes Innovationstempo, Informationsflut und Unternehmen, die sich laufend neu organisieren.

Die Arbeit früherer Generationen hatte meist erkennbare Grenzen: Feierabend, Sonntag, Jahreszeiten und gewachsene soziale Strukturen. Die heutige Arbeitswelt hingegen kennt immer weniger äussere Begrenzungen. Arbeit endet nicht mehr selbstverständlich mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes. Sie begleitet viele Menschen permanent – in Gedanken, auf Bildschirmen und über ständige Erreichbarkeit.

Die Auswirkungen sind tiefgreifend: Kommunikation in Echtzeit, zunehmender Konkurrenzdruck, steigende Erwartungen und die schleichende Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben erzeugen eine dauerhafte innere Anspannung. Hinzu kommen Ängste vor Stellenverlust durch KI, Automatisierung oder wirtschaftliche Krisen. Technologie beschleunigt Prozesse, verdichtet Arbeitsabläufe und verstärkt das Gefühl, niemals wirklich fertig zu sein. Während sich viele Menschen tapfer durchschlagen, schwinden innerlich die Energiereserven. Der Akku leert sich schleichend. Was einst als Engagement und Leistungsbereitschaft begann, endet nicht selten in Erschöpfung, innerer Leere und Burnout.

All diese Prägungen der modernen Arbeitswelt sind auch Themen, die im Leadership-Coaching immer wieder zur Sprache kommen. Früher oder später rückt dabei eine existentielle Frage ins Zentrum: Wie setze ich Grenzen, wie sage ich NEIN?

Die äusseren Treiber haben wir bereits erwähnt. Masslose Erwartungen entstehen jedoch nicht nur durch äussere Anforderungen, sondern ebenso durch verinnerlichte Ansprüche an sich selbst. Zu diesen inneren Leistungsmassstäben gehören beispielsweise:

  • immer produktiv und möglichst fehlerfrei sein,
  • überall und jederzeit mithalten wollen,
  • sich fortwährend optimieren und verbessern müssen,
  • jede Chance zur Effizienzsteigerung nutzen,
  • glauben, andere würden „das alles ja auch schaffen“.

Melanie weist uns direkt auf die Bedeutung hin, zum Selbstschutz Grenzen zu setzen.

Im Folgenden beschränken wir uns auf dieses zentrale Thema.


Es geht darum, den eigenen Wert und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich gegenüber überhöhten Erwartungen abzugrenzen. Dazu gehört auch, die Folgen dauernder Überforderung realistisch einzuschätzen.

Grenzen setzen bedeutet zum Beispiel:

  • die eigene Persönlichkeit zu schützen,
  • Ruhezeiten und Energie zu bewahren,
  • das Privatleben nicht vollständig der Arbeit zu opfern,
  • und zu lernen, bewusst Nein zu sagen.

Nein sagen ist keine Schwäche, sondern eine notwendige Fähigkeit. Viele Menschen müssen dafür erst eine persönliche Strategie entwickeln.

Ebenso wichtig ist es, die eigenen inneren Muster wahrzunehmen. Oft sind die äusseren Anforderungen nur deshalb so wirksam, weil sie auf innere Unsicherheiten oder tief verankerte Glaubenssätze treffen.

Warnzeichen können u.a. sein:

  • Mühe haben, eigene Bedürfnisse zu äussern oder um Hilfe zu bitten,
  • sich leicht einschüchtern lassen,
  • Konflikte vermeiden aus Angst, Zuneigung oder Anerkennung zu verlieren,
  • Probleme anderer übernehmen, die nicht zur eigenen Verantwortung gehören,
  • sagen, was andere hören möchten, statt ehrlich Stellung zu beziehen,
  • Ja sagen, um kein Missfallen zu erregen.

Letztlich geht es um eine Veränderung der eigenen Wahrnehmungs- und Reaktionsmuster – hin zu mehr Selbstschutz, innerer Klarheit und psychischem Wohlbefinden.

Melanies Botschaften zum Thema „Pendenzenberge und masslose Erwartungen“ sind vor allem Ermutigungen, sich selbst gesunde Grenzen zu setzen.

Sie erinnern daran:

„Deine Tage sind überladen mit übermenschlichen Erwartungen: was du dir alles abforderst bleibt – mutig oder nicht – eine Zumutung.“

„Tägliche Sisyphusarbeit am Berg unerledigter Obliegenheiten: schaff dir Luft und mach dich nicht zum Sklaven deiner selbst konstruierten Pendenzen-Galeere.“

“How high do you set your own goals? Have mercy with yourself! (Wie hoch setzest du deine Ziele? Hab Erbarmen mit dir selbst!)“

„Je fais ce que je peux – I do what I can – ich tue mein Möglichstes, nach bestem Wissen und Gewissen: ist das nicht ein wundervoll weises Eingeständnis menschlich beschränkter Möglichkeiten?“

„Widersetze dich deinem Über-Ich, Auslöser von unverhältnismässiger Belastung und Mühsal. Stelle seinen zu hohen Erwartungen Bescheidenheit und freudvolle Dankbarkeit für das, was du zu tun vermagst, entgegen.“

„Masslose Erwartungen brechen den stärksten Rücken: alles hat Grenzen, auch sich ständig den Bedürfnissen anderer zu beugen. Lerne, dich vorerst mit dem für dich Lebensnotwendigen zu versorgen und zu beschenken – um dann umso grosszügiger für andere zu sorgen.“

„Aufgabenlisten pflichtbewusst und gewissenhaft abzuarbeiten führt unweigerlich zum Erfolg – oder zu einem Sinn-entleerten Tag?“

„Bist du wirklich DA oder eher verloren in einer Wolke von Pendenzen, in viel Betriebsamkeit und wenig Weitsicht? Lass los, lass dich fallen, ins Jetzt – wir garantieren eine Landung auf beiden Füssen.“


Grenzen setzen lässt sich nur teilweise durch reine Kopfarbeit lernen. Zwar kann es hilfreich sein, Strategien zu entwickeln, um äusseren Forderungen bewusster mit einem Nein zu begegnen.

Wenn es jedoch um innere Grenzen geht – etwa um die Angst, durch ein Nein in Ungnade zu fallen oder abgelehnt zu werden –, reicht rationales Verstehen allein meist nicht aus.

Hier beginnt ein anderer Weg: Zeiten der Stille, ehrliche Selbstwahrnehmung, Selbstbeobachtung, kleine Experimente im Alltag und geduldiges Üben.

Melanie weist uns genau auf diesen Weg hin:

„Von den Anforderungen des Lebens überwältigt? Gib den Gefühlen, überlastet und überfordert zu sein, Raum und Zeit; in der Stille kann Neues entstehen: ein Bewusstsein jenseits von Widerstand oder Resignation, eine neue Sicht der Dinge, eine Transformation deiner Wahrnehmung und Reaktion – ein Wandel zu Hoffnung und Wohlergehen.“

Als Einstieg wählen wir eine einfache und bewährte Vorgehensweise.

Einmal täglich, regelmässig, etwa 15 Minuten lang.

(Eine Viertelstunde steht jedem Menschen 96-mal pro Tag zur Verfügung.)

Die Stille kann uns bei einem Spaziergang in der Natur begegnen oder wir können sie uns zu Hause in einem geschützten Raum bewusst schenken. Entscheidend ist, Ablenkungen und Störungen für eine Weile hinter sich zu lassen.

Diese Frage wie einen Samen ins Unterbewusstsein legen und ruhen lassen – ohne den Drang, sofort eine Antwort finden zu müssen.

Zum Beispiel:

  • Wie kann ich ohne Angst und Schuldgefühle Nein sagen?
  • Wie äussere ich meine Bedürfnisse klarer und lasse ich mich weniger einschüchtern?
  • Wie kann ich Konflikten begegnen, statt ihnen auszuweichen?

Gedanken dürfen kommen und gehen. Man soll ihnen weder Energie schenken noch versuchen, sie zu verdrängen. Man lässt sie vorbeiziehen wie Wolken am Himmel.

Zeigen sich intuitive Impulse zum Handeln, spontane Einsichten oder Veränderungen im Erleben und Fühlen? Entstehen neue Präferenzen zu reagieren, klarere Entscheidungen zu treffen oder andere Reaktionen?

Welche Gedanken, Gefühle oder Einsichten kehren wieder? Zeichnen sich Muster oder klare Signale ab? Was überrascht mich?

Es kann hilfreich sein, solche Beobachtungen spontan und ohne Selbstzensur in einem Journal festzuhalten – ohne sofort zu bewerten oder zu relativieren.

Entscheidend ist letztlich die Umsetzung im Alltag.

Dazu genügt zunächst ein kleiner, bewusst mutiger Schritt: etwa bei einer neuen Aufgabe, die an Sie herangetragen wird, begründet Nein zu sagen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!


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