30.05.
2026
Pendenzenberge und maßlose Erwartungen – Teil 1
Die Zeichnung mit dem Titel »Burnout« entstand vor vielen Jahren, als ich noch mitten im Erwerbsleben stand. Inspiriert wurde sie von der Redewendung, »die Kerze an beiden Enden anzuzünden«, ebenso wie von meinen Erfahrungen mit Coaching-Klientinnen und -Klienten, die über ihre Kräfte leben, sich bis zur Erschöpfung verausgaben, zu viele Verpflichtungen übernehmen und Erholung ignorieren. Sie leuchten intensiver, sind jedoch wesentlich schneller aufgebraucht – oder eben »ausgebrannt«.
Das Gefühl, »unter einem Pendenzenberg begraben« und von »masslosen Erwartungen erdrückt« zu werden, gehört heute für viele Menschen zum Arbeitsalltag. Diese Erfahrungen prägen die moderne Arbeitswelt ebenso wie zahlreiche weitere Themen, die Inhalt der Botschaften von Melanie in Band I sind.
Ein Blick zurück
Wer in der Arbeitswelt der 1950er- oder 1960er-Jahre aufgewachsen ist, erlebte im Laufe seines Lebens eine tiefgreifende strukturelle Transformation des Berufslebens. Um diesen Paradigmenwechsel zu veranschaulichen, lohnt sich ein kurzer Blick zurück.
Mein erster Kontakt zum Arbeitsalltag ausserhalb der Familie war in den 1950er-Jahren die Landwirtschaft. Ich wuchs neben einem Bauernhof auf und verbrachte dort einen grossen Teil meiner Freizeit. Die körperliche Arbeit der Bauernfamilie war hart: lange Arbeitstage, kaum Mechanisierung und eine starke Abhängigkeit von Wetter und Jahreszeiten bestimmten den Alltag. Die Existenzsicherung war nicht sorgenfrei, aber sie wirkte nicht erdrückend.
Die Bedeutung der Landesversorgung während des Zweiten Weltkriegs hatte dazu geführt, dass der Beruf des Landwirts in der Schweiz hohes Ansehen genoss. Meine Mutter, die während des Krieges über die Rationierungskarten hinaus hin und wieder einen »Zustupf für die Kinder« vom Hof erhielt, sprach stets mit grosser Wertschätzung über die Wichtigkeit des bäuerlichen Standes. Die Bauernfamilie selbst strahlte dieses Selbstverständnis aus und lebte es auch.
Bei der Mitarbeit auf dem Hof waren die Hierarchie und die Autorität des Vaters ebenso unbestritten wie seine Entscheidungen. Die Ausfahrten mit Ross und Wagen in die Stadt, um bei Hotels und Restaurants Speisereste für die Schweinemast einzusammeln, machte er – zusammen mit dem Einkauf von Süssigkeiten im Spezereiladen – zum Höhepunkt der Arbeitswoche.
Nach einem harten Arbeitstag war Feierabend. Vor dem Stall wurde gewischt, man trank gemeinsam ein Glas Most, sass auf der Bank vor dem Hof und genoss die Abendsonne. Der Sonntag war arbeitsfrei, und man zog die besseren Kleider an. Kein Wunder also, dass es mein Kindheitswunsch war, Bauer zu werden – eines jener Lebensziele, die ich nie erreicht habe.
Ehrlicherweise muss ich ergänzen, dass ich später während verschiedener Landdienstwochen auf Bauernhöfen auch die Schattenseiten dieses Lebens kennenlernte: innerfamiliäre Generationenkonflikte und Nachfolgestreitigkeiten, die mein idealisiertes Bild nachhaltig trübten.
